Wolfgang Templin über den 11. November 1918 in Deutschland und Polen

Gemeinsam oder getrennt? Stationen deutsch-polnischer Geschichte.

Wolfgang Templin über den 11. November 1918 in Deutschland und Polen

Wolfgang Templin (geb. am 25. November 1948 in Jena) war Student und Promovend der Philosophie an der Humboldt-Universitär in Berlin. Seine politische Abkehr vom DDR-System begann 1976-1977, als er an der Warschauer Universität studierte und Kontakt zur polnischen Opposition bekam. In den 1980er Jahren gründete er die Menschenrechtsgruppe „Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) mit und war Mitherausgeber der Samisdat-Zeitschrift „Grenzfall“. Aufgrund seiner Dissidententätigkeit, bei der seine Wohnung zu einem Treffpunkt der Oppositionellen wurde, setzte das Ministerium für Staatssicherheit ihn massiv unter Druck und zwang ihn nach einer Verhaftung 1988 zur Ausreise in die BRD. Nach 1989 war er als Publizist, wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der politischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte tätig. Von 2010 bis 2013 leitete er das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau. Am 18. April 2024 erhielt er als erster Deutscher den 1. Preis des polnischen Außenministeriums im Rahmen des historischen Wettbewerbs des Außenministers in der Kategorie „Beste fremdsprachige Publikation zur polnischen Geschichte“ für das Buch „Revolutionär und Staatsgründer. Józef Piłsudski - eine Biografie, Berlin 2022; polnische Ausgabe: 2024).

Anhand der Tagebücher von Harry Graf Kessler, der in den Tagen um den 11. November 1918 in Berlin verweilte und zuvor Józef Piłsudski aus seiner Magdeburger Haft in den Zug nach Polen setzte, skizziert Wolfgang Templin seine Wahrnehmung dieser für die deutschen Geschichte so wichtigen Zäsur. Er geht auf den fliehenden Kaiser ein und die zu ungunsten Deutschlands verlaufenden Kapitulationsverhandlungen, die am 11. November 1918 abgeschlossen wurden. Dabei geht er auf die Ausrufungen der Weimarer Republik wie der Räterepublik am 9. November ein, um ein Bild der unterschiedlichen politischen Strömungen zu zeichnen, die ihre konträren Vorstellungen für das zukünftige Deutschland proklamierten und nach Templin am Anfang der Weimarer Republik bereits die destruktiven Kräfte ihres Endes sichtbar waren.

Für Polen hingegen, dessen Geschichte mit der deutschen nicht nur im Fall des Diplomaten Harry Graf Kessler und Józef Piłsudski verflochten war, wurde doch der letztgenannte mit der Absicht, eine „Atempause für die deutsche Seite“ (Templin) zu erringen, nach Warschau geschickt, wo er am 11. November 1918 zum Oberbefehlshaber des polnischen Heeres und der Führung des polnischen Staates ernannt wurde. Der Piłsudski-Biograf Templin zeichnet auch für den Schicksalstag der polnischen Geschichte, der als Gründung der Zweiten Polnischen Republik und neben dem Tag der Verfassung am 3. Mai als einer der wichtigsten Nationalfeiertage des Landes bis heute gilt, die Kräfteverhältnisse des politischen Landschaft nach: Der aus der sozialistischen Bewegung kommende Piłsudski wusste seine Genossen hinter sich und setzte bereits 1914 alles auf eine Karte, um in den Kriegswirren die Chance für eine polnische Unabhängigkeit militärisch zu nutzen. Doch auch die Nationalisten der sog. Nationaldemokraten mit Roman Dmowski als deren Anführer, der bei den Friedensverhandlungen in Versailles für die Grenzen des neuen polnischen Staates kämpfte und die polnischen nicht selten im Ausland lebenden Bildungseliten trugen zu dem „Wunder“ der Staatsgründung nach 123 Jahren bei.

Ausgewählte Publikationen:

Wolfgang Templin, Revolutionär und Staatsgründer. Józef Piłsudski – eine Biografie, Berlin 2022.
 
Wolfgang Templin, Józef Piłsudski. Od rewolucjonisty do marszałka (tłum. Marek Tybura), Warszawa 2024.
 
Harry Graf Kessler, Das Tagebuch (1880-1937), Band 6 1916-1918, hg. v. Günter Riederer, Roland S. Kamzelak und Ulrich Ott, Stuttgart 2024.
 
Heidi Hein-Kircher, Der Piłsudski-Kult und seine Bedeutung für den polnischen Staat 1926-1939, Marburg 2002 [polnische ergänzte und aktualisierte Fassung: Warszawa 2008].
 
Maciej Górny, Włodzimierz Borodziej, Nasza wojna. Europa Środkowo-Wschodnia 1917–1923. Tom II. Narody [Unser Krieg. Ostmitteleuropa 1917–1923. Band II. Nationen], Warszawa 2018.
 
Aktuelle Netzfunde:
 
Waffenstillstand von Compiègne. 11. November 1918, in: Das Bundesarchiv 2024, URL: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/dokumente-zur-zeitgeschichte/waffenstillstand-von-compiegne/
 
Krzysztof Ruchniewicz, Józef Piłsudski in deutschen Gefängnissen, Porta Polonica Juni 2018, URL: https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/jozef-pilsudski-deutschen-gefaengnissen
 
Witold Głowacki, Dominka Sitnicka, Na Marszu Niepodległości rodziny z dziećmi pięknie śpiewały: „Znajdzie się kij” [WIDZIMY TO TAK] [Auf dem Unabhängigkeitsmarsch haben Familien mit Kindern wunderschön gesungen: „Ein Stock wird sich finden“ [WIR SEHEN ES SO]], Oko.press 12.11.2024, URL: https://oko.press/na-marszu-niepodleglosci-rodziny-z-dziecmi-pieknie-spiewaly-znajdzie-sie-kij-widze-to-tak
 
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