Gemeinsam oder getrennt? Stationen deutsch-polnischer Geschichte.
Wolfgang Templin über den 11. November 1918 in Deutschland und Polen
Anhand der Tagebücher von Harry Graf Kessler, der in den Tagen um den 11. November 1918 in Berlin verweilte und zuvor Józef Piłsudski aus seiner Magdeburger Haft in den Zug nach Polen setzte, skizziert Wolfgang Templin seine Wahrnehmung dieser für die deutschen Geschichte so wichtigen Zäsur. Er geht auf den fliehenden Kaiser ein und die zu ungunsten Deutschlands verlaufenden Kapitulationsverhandlungen, die am 11. November 1918 abgeschlossen wurden. Dabei geht er auf die Ausrufungen der Weimarer Republik wie der Räterepublik am 9. November ein, um ein Bild der unterschiedlichen politischen Strömungen zu zeichnen, die ihre konträren Vorstellungen für das zukünftige Deutschland proklamierten und nach Templin am Anfang der Weimarer Republik bereits die destruktiven Kräfte ihres Endes sichtbar waren.
Für Polen hingegen, dessen Geschichte mit der deutschen nicht nur im Fall des Diplomaten Harry Graf Kessler und Józef Piłsudski verflochten war, wurde doch der letztgenannte mit der Absicht, eine „Atempause für die deutsche Seite“ (Templin) zu erringen, nach Warschau geschickt, wo er am 11. November 1918 zum Oberbefehlshaber des polnischen Heeres und der Führung des polnischen Staates ernannt wurde. Der Piłsudski-Biograf Templin zeichnet auch für den Schicksalstag der polnischen Geschichte, der als Gründung der Zweiten Polnischen Republik und neben dem Tag der Verfassung am 3. Mai als einer der wichtigsten Nationalfeiertage des Landes bis heute gilt, die Kräfteverhältnisse des politischen Landschaft nach: Der aus der sozialistischen Bewegung kommende Piłsudski wusste seine Genossen hinter sich und setzte bereits 1914 alles auf eine Karte, um in den Kriegswirren die Chance für eine polnische Unabhängigkeit militärisch zu nutzen. Doch auch die Nationalisten der sog. Nationaldemokraten mit Roman Dmowski als deren Anführer, der bei den Friedensverhandlungen in Versailles für die Grenzen des neuen polnischen Staates kämpfte und die polnischen nicht selten im Ausland lebenden Bildungseliten trugen zu dem „Wunder“ der Staatsgründung nach 123 Jahren bei.
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