Jahrbuch

Das Substantiv „[die] Historie” klingt in der deutschen Sprache altmodisch. Laut Duden entsprechen ihm heute drei Begriffe: [Welt]geschichte, Geschichtswissenschaft und Erzählung. Kenner der Materie verbinden dies fast automatisch mit dem bahnbrechenden Werk Friedrich Nietzsches Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. In der polnischen Sprache ist das anders. „Historie” bedeutet auch – wie im Deutschen – „Erzählung”, ist aber vor allem der Nominativ Plural des Substantivs „historia” (Geschichte), das immer noch die von den Historikern betriebene wissenschaftliche Disziplin bezeichnet. Was den Titel unseres Jahrbuches angeht, hat der eigensinnige Gebrauch des Pluralis majestatis eine doppelte Bedeutung: eine symbolische und eine praktische. Beide verbinden und überschneiden sich und ergeben dabei für das Instrumentarium des Historikers eine neue interessante Erfahrung. Eine begriffliche Parallele finden wir im Hinblick auf die deutsche Historiographie in Reinhard Kosellecks klassischem Text Geschichte, Geschichten und formelle Zeitstrukturen von 1973.

  1. Historie als Wissenschaft und Politikum. Die Arbeit einer geisteswissenschaftlichen Einrichtung im Ausland hat einen besonderen Charakter. Anders als bei inländischen Einrichtungen hat sie neben ihren strikt wissenschaftlichen Zielen immer die Aufgabe, „für das eigene Land zu werben”. Im Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften haben wir eine Formel von institutioneller Aktivität entwickelt, die die spezifisch polnische Erfahrung von Geschichte mit dem universellen Grundsatz wissenschaftlicher Ethik und wichtigen öffentlichen Debatten über die Vergangenheit verknüpft. In dieser Formel gibt es in dreifacher Hinsicht keine Interessensgegensätze: aufgrund von Seriosität der Forschung, einer Bereitschaft zum offenen Dialog und eine freundliche Aufnahme durch deutsche Wissenschaftseinrichtungen. Die polnische Reflexion über die Geschichte stößt in diesem Fall auf das Bedürfnis deutscher historischer Institutionen und Geschichtsinteressierter, ihr Wissen um unbekannte Teile der Vergangenheit ihres östlichen Nachbarn zu erweitern. Das Bedürfnis nach einer Perspektiverweiterung und nach partnerschaftlichen Beziehungen war der erste Grund, warum wir beschlossen haben, die deutsche Wissenschaftslandschaft nicht nur um eigene Projekte und wissenschaftlich-didaktische Aktivitäten, sondern auch um ein eigenes Jahrbuch zu bereichern.
  2. Historie als Sichtweise. Die Gründung des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften ist gewissermaßen die Krönung eines seit Anfang der 1970er Jahre andauernden Prozesses der Zusammenarbeit deutscher und polnischer Wissenschaftler. Wir nehmen aber auch Spuren von Asymmetrie in den deutsch-polnischen Beziehungen wahr. Indem wir diese ausgleichen, wollen wir nicht nur Polen, sondern die Problematik Ostmitteleuropas insgesamt in den Fokus des Interesses rücken und so stärker zu einer europäischen Vielstimmigkeit der historischen Forschung beitragen. Eine rein bilaterale Geschichte gibt es nämlich nicht, selbst wenn diese ein so interessantes Forschungsgebiet bildet wie die deutsch-polnische Geschichte.
  3. Historie als Methode. Die Pluralform bezieht sich auch auf die Interdisziplinarität und Methodologie der Forschung, die noch bis vor Kurzem große Diskussionen hervorgerufen haben. Heute haben sich die Emotionen bezüglich der Forschungsmethoden gelegt. Geblieben ist aber das Problem, das immer noch aktuell ist und manchmal größere Kommunikationshürden erzeugt als sogenannte nationale Sichtweisen. Den methodologischen Kontext bereichern wir um die Erfahrungen anderer wissenschaftlicher Disziplinen, besonders um die Tradition der polnischen Kultursoziologie.

Das Jahrbuch "Historie" ist die einzige polnische wissenschaftliche Zeitschrift, die nicht nur in einer Fremdsprache, sondern auch unmittelbar im Ausland veröffentlicht wird. Es ist ein wichtiges und in den deutschen Geisteswissenschaften anerkanntes Forum, in dem aktuelle Ergebnisse der polnischen Historiographie und verwandter Forschungsdisziplinen präsentiert werden.

Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Hans Henning Hahn, Prof. Jerzy Kochanowski, Prof. Wojciech Kriegseisen, Prof. Michael G. Müller,  Prof. Tomasz Szarota, Prof. Anna Wolff-Powęska, Prof. Marcin Zaremba, Prof. Anna Zeidler-Janiszewska

Zu beziehen ist das Jahrbuch über den deutschen Buchhandel oder direkt beim Verlag Budrich UniPress:

Budrich UniPress Ltd.
Stauffenbergstr. 7
D-51379 Leverkusen-Opladen
Tel.: +49 2171 344 694
Fax: +49 2171 344 693

Wir hoffen, dass Sie das Jahrbuch mit Interesse lesen werden.

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