Klaus Zernack Colloquium, 09.01.2018

09.01.2018

Zur Vortragsreihe Migrationsprozesse und Kulturtransfer. Deutsche und polnische Kontexte laden Prof. Dr. Michael G. Müller und Prof. Dr. Robert Traba gemeinsam mit Prof. Dr. Igor Kąkolewski ein
zum Vortrag von    Dr. Gregor Feindt

Ambivalente Universalisierungen: Die Erinnerung an „Flucht und Vertreibung“ im Angesicht der syrischen Flüchtlingskrise

Kommentar:  Georges Khalil (Berlin)

Datum: Dienstag, den 9. Januar 2018

Uhrzeit: 19:00 Uhr

Ort: Bibliothek des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften
Majakowskiring 47, 13156 Berlin-Pankow

 

Sind syrische Kriegsflüchtlinge „Vertriebene“? Kann man ihre Erlebnisse mit den Erfahrungen deutscher Heimatvertriebener oder sogar polnischer „przesiedleńcy“ vergleichen? Wo sind die Grenzen einer solchen Analogie? Das ist keine abstrakte oder gar konstruierte wissenschaftliche Problemstellung, sondern Teil der aktuellen öffentlichen Debatte über syrische Flüchtlinge und den europäischen Umgang mit ihnen. Der Vortrag nutzt diese Debatte als analytischen Zugang zur deutschen Erinnerung an „Flucht und Vertreibung“ und zeigt wie die Referenz zur Zwangsmigration tagesaktuell Handlungsmacht generiert. Ganz unterschiedliche Akteure nutzten und nutzen solche historischen Analogieschlüsse und besonders universalisierende Deutungen von Zwangsmigration, um in gegenwärtigen Zusammenhängen konkrete Interessen durchzusetzen, sei dies in der Flüchtlingsfrage oder der Musealisierung von „Flucht und Vertreibung“. Solche Universalisierungen greifen die europäischen und globalen Rekontextualisierungen von Zwangsmigration auf, die seit den Auseinandersetzungen um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ die Erinnerung an „Flucht und Vertreibung“ bestimmen.

 

Dr. Gregor Feindt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte. Im akademischen Jahr 2015/2016 vertrat er die Juniorprofessur für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Polen an der Universität Bremen. Er arbeitet zur transnationalen Zeitgeschichte Ostmitteleuropas, mit dem Schwerpunkt Tschechoslowakei und Polen, und untersucht in seinem Postdoc-Projekt die Planung, Erfahrung und Bewältigung industriellenLebens in der Tschechoslowakei, 1920-1960. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören Auf der Suche nach politischer Gemeinschaft. Oppositionelles Denken zur Nation im ostmitteleuropäischen Samizdat, 1976–1992 (Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2015) und Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, herausgegen zusammen mit Félix Krawatzek, Daniela Mehler, Friedemann Pestel, Rieke Trimçev (Göttingen: Vandehoeck & Rupprecht 2014).