My, berlińczycy! Wir Berliner! Geschichte einer deutsch-polnischen Nachbarschaft

Zugänge zur Geschichte. Polen erzählen die Geschichte Berlins
Das Projekt „My, berlińczycy! Wir Berliner! Polen in der Entwicklung Berlins (18. – 21.Jh.)“ besteht aus mehreren Teilen, die in der Eröffnung einer Ausstellung im März 2009 gipfelten. Das Gesamtprojekt weist zwei Ebenen auf, nämlich eine erkenntnis-theoretische und eine kreativ-kommunikative, die man auch als identitätsstiftende bezeichnen kann. Die erste ist für Uneingeweihte beinahe unsichtbar. Sie findet während interdisziplinärer Workshops unter Teilnahme von über zwanzig Personen statt, die ein breit verstandenes „Projektteam” bilden: von Historikern, Kunsthistorikern, Literaturwissenschaftlern, Ethnologen, Kulturwissenschaftlern und Studenten des Osteuropa-Instituts der FU Berlin. Die zweite Ebene wird in Form von Lesebüchern, von didaktischen Workshops, wissenschaftlichen Abhandlungen wie auch der abschließenden Ausstellung bei den Rezipienten ankommen. Im ganzen Projekt korrespondiert die Wissenschaft mit der Kunst, mit dem kulturellen und kommunikativen Gedächtnis. Aus der Überschneidung dieser verschiedenen Motive entstand der Gedanke, dieses Projekt zu realisieren.
„Endlich einmal etwas Positives. Endlich einmal nicht ‚Flucht und Vertreibung’ oder andere Belastungen im nachbarschaftlichen Verhältnis beiderseits“ – schrieb mir kürzlich der langjährige ARD-Korrespondent in Polen und heutige Mitarbeiter des Krakauer „Tygodnik Powszechny“, Joachim Trenkner. Vor anderthalb Jahren hätte ich die Selbstinspiration des Projekts wohl nicht so formuliert. Aus der Perspektive dieser Zeit sage ich heute folgendes: die Entstehung des Projekts war eine intuitive Verteidigung gegen die Instrumentalisierung der Geschichte in den letzten drei Jahren, der Versuch, eine neue Erzählung über Deutsche und Polen zu konstruieren.
Was unterscheidet diese Erzählung von den deutsch-polnischen historischen Debatten der letzten Jahre?
1. Multiperspektivität. Erstens lösen wir uns von der Betrachtung der Geschichte durch das Prisma der „kurzen Dauer“ einiger Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Das Projekt beginnt noch in der sogenannten Epoche der Vormoderne, das heißt am Anfang des 18. Jahrhunderts – damals also, als Berlin … eine Provinzstadt war, die „bei Potsdam“ lag. Viele Künstler fuhren damals zum sächsischen Hof nach Warschau, um dort ihr künstlerisches Können zu vervollkommnen. Zweitens erzählen wir in einem Mikromaßstab nicht nur von den Polen in Berlin, sondern auch von mehr als 200 Jahren deutsch-polnischer Beziehungen. In Berlin berühren wir nämlich alle wichtigen Motive der Beziehungsgeschichte von Polen und Deutschen: der Fürst der polnischen Dichter, Bischof Krasicki ist der Initiator der ersten katholischen Gemeinde und der Hedwigskirche zu jener Zeit, als die Preußen weitere Teilungen Polens vornehmen; Ludwig Mierosławski wird für eine kurze Zeit zum Symbol der Freiheit für die deutschen Revolutionäre von 1848; Graf Anastazy Raczyński schreibt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in französischer Sprache das erste Lehrbuch der deutschen Kunst und ist einer der größten preußischen Kunstmäzene (an der Stelle seines Palais steht heute der Reichstag); das Palais der Radziwiłłs wird zu einem der angesehensten Berliner Salons; Antoni Radziwiłł vertont als erster Goethes „Faust“ (später wird sein Palais als Ort der Unterzeichnung des Berliner Friedens im Jahre 1878 und als Sitz der Alten Reichskanzlei bekannt). Der polnische Nationalmaler Wojciech Kossak ist 10 Jahre lang Hofmaler von Kaiser Wilhelm II., in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts wird Berlin zu einer großen Bühne der Förderung polnischer Kultur und einige Jahre später zum Gefängnis und Friedhof tausender polnischer Zwangsarbeiter. Schließlich entsteht Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts eine große Emigrationswelle nach Berlin; die Menschen finden hier Arbeit, politisches Asyl, aber auch einen Ort, um freie Kultur und Wissenschaft zu betreiben. Diese nur symbolischen Beispiele sind meist Paradoxa für diejenigen, die Geschichte eindimensional, in Schwarz-Weiß wahrnehmen.
2. Vielfältigkeit und Kommunikativität des Narrativs. Die Kunst des Dialogs beruht darauf, eine gemeinsame Sprache zu finden. Uns geht es darum, solche Zeichen und Symbole der Kultur Deutschlands und Berlins zu finden, mit denen wir die unbekannte Geschichte des nächsten Nachbarn und einen Ausschnitt der deutsch-polnischen Beziehungen erzählen können. Deshalb werden die Besucher unserer Ausstellung zuerst mit den am besten erkennbaren Orten und Gestalten konfrontiert, um durch sie ein „Stück polnischer Geschichte“ zu erzählen. Daher eben Raczyński und der Reichstag, Radziwiłł und die Reichskanzlei, daher auch eine ganze Palette von Gestalten, bei denen wir vergessen haben, dass sie in einem Zusammenhang mit Polen standen, wie beispielsweise Johannes Gotzkowski (KPM) oder Daniel Chodowiecki, deshalb werden auch die vergessenen Wörter im Hintergrund ertönen: „dalli, dalli…“ oder „pinunze“, die einst den Berliner Dialekt bereicherten.
3. Provokation und Dialog. Vor nicht allzu langer Zeit fragte mich ein deutscher Bundestagsabgeordneter a.D. beunruhigt: „Befürchten Sie denn nicht, dass dieser polnische Titel ... (‚My, berlińczycy!’), dass eine so diskursive Konstruktion der Ausstellung für viele Deutsche zu provokativ ist?” Das befürchte ich nicht. Der Sinn des Dialogs besteht nicht darin, nur Positives zu suchen oder Monologe von Gehörlosen zu führen, die nur die eigene Stimme hören wollen. In Wirklichkeit ist aber Regina Mönch von der FAZ ein wenig schuld an dem polnischen Titel der Ausstellung; sie betitelte ihr Feuilleton über die Eröffnung des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften mit „Der Berlińczyk“, und nicht „Der Berliner“. Die Polen integrieren sich schnell in Berlin, viele tauchen so stark in die Landschaft der Stadt ein, dass sie assimiliert werden. Aber vielleicht lohnt es sich, ein polnischer Berliner zu sein? Vielleicht lohnt es sich, in der offenen, freundlichen Atmosphäre der deutschen Metropole auch das polnische Kolorit der Stadt zu bemerken? Weder den Polen noch Berlin dürfte das schaden.
4. Die Konstruktion der Identität. In diesem soeben erwähnten Sinne kann das Projekt auch einen identitätsstiftenden Charakter haben. Die Polen, die hierher kommen – wenn auch nur für kurze Zeit, so wie ich – wollen sich als Berliner fühlen. Ich denke, dass die echten Berliner stolz darauf sein können, denn das zeugt am besten davon, dass Westberlin zwar seine Magie der 70er und 80er Jahre verloren hat, aber ein neues Image erlangen kann: nicht nur das einer Hauptstadt, sondern auch einer praktischen „Multikulti-Metropole“.
5. Wissenschaftliches Labor. Für mich war (und ist) dieses Projekt ein ungewöhnliches Laboratorium wissenschaftlicher Arbeit und zivilgesellschaftlicher Aktivität. Dies fängt schon mit der Zusammensetzung des Teams an. Darin gibt es nicht nur Polen, und auch nicht nur Deutsche, sondern eine Französin, eine Russin, eine in Berlin geborene Polin, die sich für eine Schweizerin hält – mit einem Wort: Europa in Klein.
Die zentrale Frage, die wir von Anfang an stellen, und die wir zu beantworten versuchen, klingt banal: Wer ist wirklich ein Pole in Berlin? Ist es noch der schlecht Deutsch sprechende Emigrant, der seit den 1950er Jahren in Berlin lebt? Oder vielleicht der gut Polnisch sprechende Jude aus dem Osten, der in der Zwischenkriegszeit oder gleich nach dem Krieg hierher gekommen war? Und die Schlesier mit ihrer spezifischen Identität? Alle sind sie natürlich Polen, aber genauso gut könnten sie es nicht sein, falls sie sich dafür entscheiden wollten. In diesem Moment berühren wir das zentrale Projekt der Nationalismusforschung: die Kategorie einer Nation als eines konstruierten Wertes. Man könnte verschmitzt fragen: Und wer ist wirklich ein Deutscher? Im Lexikon findet man über ein Dutzend Definitionen eines „Deutschen“: Auslandsdeutsche, Bundesdeutsche, Deutsche mit Migrationshintergrund, Deutschamerikaner, deutsche Spät-, Um- und Aussiedler, Farbendeutsche, Nazideutsche, Ostdeutsche, Reichsdeutsche, Russlanddeutsche, Volksdeutsche, Wasserdeutsche, Westdeutsche. Wer ist also ein „echter Deutscher“? Alle diese Bezeichnungen sind ein Konstrukt der deutschen politischen Kultur und Sprache des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Diese enorm wichtigen Probleme der heutigen Wissenschaft sind ebenso in Polen, in Europa aktuell. Mit der Ausstellung versuchen wir sie in die Sprache der Bilder zu übertragen.
So viel wird heute über die Notwendigkeit gesprochen, den Dialog mit konkreten, dauerhaften Initiativen zu füllen. Die Ausstellung schreibt sich sowohl in das von beiden Regierungen unterstützte Netzwerkprojekt „Erinnerung und Solidarität“ wie auch das in Berlin geplante europäische Forum (Museum) des deutsch-polnischen Dialogs ein. Warum sollte es nicht so sein, dass die Ausstellung „My, berlińczycy!“ den Nukleus eines solchen Forums (Museums) bildet?! Die Berliner würden in ihr ein unbekanntes Stück der Kulturlandschaft der eigenen Stadt entdecken und zugleich deutlicher individuelle Schicksale einzelner Menschen und die dramatische Geschichte von Deutschlands östlichem Nachbarn – Polens – wahrnehmen.