Jüdische Künstler in Berlin nach 1989. Interpretation und Analyse des Einflusses von Religion, Tradition und der jüdischen Kultur auf die Arbeiten ausgewählter Künstler.

Projekt: Dissertation
Autorin: Małgorzata A. Quinkenstein
Ort: Berlin
Termin: 2012-2016

Jüdische Künstler in Berlin nach 1989. Interpretation und Analyse des Einflusses von Religion, Tradition und der jüdischen Kultur auf die Arbeiten ausgewählter Künstler.

Für mich gilt jeder als Jude, der meschugge genug ist, sich selbst einen zu nennen.
David Ben Gurion

Weder die heutige Kunstkritik noch die Kunstgeschichte beschäftigen sich explizit mit dem Phänomen „Judentum/Jüdischkeit“ in der Kunst. Unter den nach 1989 zu den Stichwörtern „Jüdische Kunst“, „Jüdische Themen in der Kunst“ etc. veröffentlichten Forschungsarbeiten dominieren zwei Themenkomplexe: Die Kunst der Juden in der Vergangenheit (hier vor allem die Zeit der Renaissance und die Synagogen-Architektur des neunzehnten Jahrhunderts) sowie die Shoa. Ein vielsagendes Beispiel einer solchen Herangehensweise an das Thema ist der Sammelband, der im Zusammenhang mit dem I. Kongress Jüdischer Kunst in Polen entstand, der 2008 in Kazimierz nad Wisłą stattfand (Jewish artists and Central-Eastern Europe. Art Centers – Identity – Heritage from the 19th century to the Second World War, hg. v. Jerzy Malinowski, Renata Piątkowska, Tamara Sztyma-Knasiecka). Die Beiträge in diesem Band beziehen sich auf die Vergangenheit und auf das erhaltene bzw. nur noch aus der Überlieferung bekannte Kulturerbe; zugleich unternehmen sie den Versuch, zahlreiche herausragende Persönlichkeiten und Kunstwerke erneut ins Gedächtnis zu rufen.  Zu kritischen künstlerischen Auseinandersetzungen jüdischer Künstler mit der eigenen Tradition, der Geschichte, einzelnen Familienbiographien, der jüdischen Literatur und Religion liegen hingegen so gut wie keine Studien vor. Die Kritik ignoriert bzw. marginalisiert diese Themen seit fast 60 Jahren. Kritische Betrachtungen wiederum, die seit der Wende 1989/1990 zunehmend zu verzeichnen sind, konzentrieren sich zumeist auf die Traumata des Krieges und der Shoa. Zu den Kunstkritikern, die sich von diesen Schemata distanzieren, gehören vor allem amerikanische Autoren (z.B. Gail Levin, Matthew Baigel oder Laura Levitt). Von einigen Ausnahmen in der modernen Kunstgeschichte abgesehen, gibt es auch keine Studien, die die Bezugnahmen jüdischer Künstler (die außerhalb Israels leben) zum Staat Israel und seiner Politik untersuchen würden. In den Bereichen Literatur und Film hingegen sind diese Phänomene eingehend untersucht worden. In meiner Arbeit möchte ich mich deshalb vor allem diesen bislang von der Kunstgeschichte vernachlässigten Aspekten widmen und eine Beschreibungsform entwickeln, die die Thematik angemessen erfasst:

1. Die Verbindung zwischen Kunst und Biographie (Herkunft, Erziehung, Sprache im Elternhaus usw.) entscheidet maßgeblich über die Wahl des Themas. Kam es, wie Stephen C. Feinstein schrieb, in den 1990er Jahren dazu, dass das Modell einer trauernden Kunst sich erschöpfte und eine Wende einsetzte von der Heiligung und dem Angedenken hin zu einer Dekonstruktion? Haben die Künstler auch heute noch das Bedürfnis, die Vergangenheit zu rekonstruieren, sie heraufzubeschwören und neu zu interpretieren (vgl. z.B. die Arbeit, die Noam Braslavsky während der „Asia-Europe Mediations“ 2007 in der ehemaligen Synagoge in Poznań zeigte), sie von Neuem für die Gegenwart zu „inszenieren“  (vgl. z. B. Michael Melcers „Jüdischer Blick auf die Alpen“)? Inwiefern findet eine Abkehr statt vom Celan'schen Diktum „Es ist, ich weiß es, nicht wahr, dass wir lebten“ (Aus dem Gedicht „Soviel Gestirne“)?

2. Rückgriffe auf die jüdische Tradition: ein kritischer Blick auf eine ikonographische Tradition, die das „Bilderverbot“ umkreist (Arbeiten Miguel Rothschilds wie z.B. die Ausstellung „Neue Heimat“ oder der Zyklus „Melancolia I“). Versuche einer Universalisierung der Kunst der jüdischen Gemeinschaft; Kunst zwischen Emanzipation und Assimilation (Anna Adams „Feinkost Adam“), Akkulturation und Zionismus (Felist Naomi Wonnenbergs „Aliya“) sowie Individualismus und Universalismus (Gabriel Heimlers „It’s a wonderful life“). Kritische Prüfung eines Satzes H. Künzls im Hinblick auf seine Aktualität: „Jüdische Kunst konnte und kann nur dort entstehen, wo die äußeren Lebensbedingungen für die Juden verhältnismäßig günstig waren und sind, so dass sie sich auch kulturell entfalten konnten.“ – Dies vor allem im Kontext neuester Arbeiten solcher Künstler wie Joanna Helander (z.B. „Återkomster“) oder Dani Gal.

3. Das Selbstbildnis als besondere Form des Ausdrucks für universale emotionale Inhalte; künstlerisches und intellektuelles Spiel mit dem „Bilderverbot“. Der textuelle Aspekt des Selbstporträts: die Verortung des Individuums im Rahmen des Kollektivs. Die Konfrontation der Intimsphäre mit der Anonymität und Masse.

4. Bezugnahmen auf eine weltliche jüdische Tradition des Elternhauses, auf bestimmte Facetten der Erziehung sowie Aspekte des Kosmopolitismus – Inhalte, die von maßgeblicher Bedeutung sind in den Arbeiten von z.B. Rachel Kohn, Piotr Nathan, Michail Schnittman oder Maya Zack.

5. Künstlerische Reaktionen auf politische und gesellschaftliche Ereignisse im heutigen Israel; der Balanceakt zwischen der Kritik des Beobachters und einem emotionalen Engagement (Daniel Ben-Hur, Marina Belobrovaja); Zerrissenheit zwischen Diaspora und Israel (Noam Braslavskys „Enlightened Darkness“, 1989, Tel Aviv, Alternative Art Space). Zeitgenössische Ausdrucksformen einer jüdischen Identifikation in der globalen, vielsprachigen Arena der Kunst (Gabriel Heimlers „The Mover“, Israel Davidesco). Die Auseinandersetzung mit der Tradition des amerikanischen abstrakten Expressionismus (B. Newman, M. Rothko, A. Gottlieb u.a.) und der „London School“ (L. Freud, L. Kossoff u.a.). Die Suche nach einem individuellen Weg zwischen einer abstrakten und einer figurativen Kunst (Amir Fattals „Private Dancer“, Pavel Feinstein). Der Künstler als Medium beunruhigender Fragen, die, im Sinne K. Wodiczkos, zur Reflexion zwingen, von der Gesellschaft eine Umformung oder Erneuerung des Gedächtnisses verlangen: „Die Kunst ist heute eine Stimme im Rätselspiel des Diskurses um Macht und Freiheit (…). Schweigen wäre gleichbedeutend mit einer Zustimmung zum Verschwinden des öffentlichen Raumes und damit der Demokratie, denn dieser Raum würde dann zur alleinigen Privatsphäre der Herrschenden und Besitzenden.“

Ausgangs- und Zielpunkt ist für mich die Kunstgeschichte. Befassen möchte ich mich mit dem Kunstwerk, das in einem bestimmten kulturellen Raum geschaffen wurde und in diesem dann als solches existiert. In dem zu untersuchenden Phänomen – „Judentum/Jüdischkeit“ – ist meiner Ansicht nach die Notwendigkeit eines interdisziplinären Ansatzes angelegt, der Kunst- und Kulturgeschichte, Philosophie, Geschichte, Ethnologie und Politik berücksichtigen muss, wenn er seinem Gegenstand gerecht werden will. Die Bedeutung eines Kunstwerks setzt sich zusammen aus seinem Inhalt, dem Rahmen (dem Kontext, in dem es zum einen entsteht und zum anderen gezeigt wird) und der Kultur, in der es geschaffen wird sowie, nicht zuletzt, auch aus der Geschichte eben dieser Kultur. Maßgeblich für meine Untersuchungen sind daher der kulturelle Hintergrund der Künstler, ihre Biographien, ihre Herkunft und ihre Erfahrungen. Bei der Berücksichtigung dieser Aspekte will ich mich immer wieder auf Aussagen der Künstler stützen – aus bereits existierenden Interviews bzw. aus Interviews, die ich mit ihnen führe werde (entsprechendes Material stelle ich im Anhang der Arbeit vor) –, um die zur Diskussion stehenden Werke in einen weiteren (autoreferentiellen) Diskurs einzubinden. Bei der Untersuchung und Interpretation der Kunstwerke werde ich sowohl auf historische Fakten eingehen (einschließlich historischer Texte und religiöser (rabbinischer) Schriften), auf die die Arbeiten selbst verweisen, als auch auf die reale Lebenssituation des jeweiligen Künstlers/der jeweiligen Künstlerin sowie auf weitere Werke der bildenden Kunst, Literatur, Fotografie und des Kinos und auf Dokumentationen und andere Phänomene der populären Kultur (im Sinne einer intertextuellen Interpretation nach Mieke Bal).

Frühere Untersuchungen zur jüdischen Kunst bzw. zur Kunst von Menschen jüdischer Herkunft konzentrieren sich auf die Shoa und die damit verbundenen Traumata (z. B. Wojciech Skrodzkis „Niknący ślad mezuzy“, 1990; Jerzy Malinowskis „Malarstwo i rzeźba Żydów Polskich w XIX i XX wieku“, 2000; Danuta Głowackas „Świadkowie wbrew sobie: strategie pamięci Holokaustu w twórczości plastycznej kobiet „drugiego pokolenia“, 2009). Hier sind insbesondere die Arbeiten hervorzuheben, die diese Thematik in den 1990er Jahren und nach 2000 unter dem Stichwort „Nachkriegskunst“ bearbeiteten. Sie stützen sich u.a. auf die These Geoffrey H. Hartmans, dass das Wiedererwachen der Erinnerung an die Shoa in der Postmoderne einsetzte und nicht in der Moderne, da die Moderne mit den ihr zur Verfügung stehenden Kategorien einen solchen Prozess nicht hätte einleiten können. In diesem Zusammenhang wäre auf Izabela Kowalczyk zu verweisen, die feststellt, dass sowohl die polnische als auch die deutsche Kunstkritik der Nachkriegsjahre das Thema „Shoa“ ebenso bewusst wie konsequent ignoriert hat. Der Teil der Arbeit, der ältere Forschungspositionen erläutern möchte, ist nötig für das Verständnis der Formen und Themen, mit denen sich die Künstler der jüdischen Diaspora in Deutschland beschäftigt haben, er soll jedoch, indem lediglich die wesentlichen Aspekte vorgestellt werden, Überblickscharakter haben. Die spezifischen Probleme einer Kunst des Gedenkens an die Shoa in Deutschland und in Polen wären Gegenstand einer eigenen Studie; im Rahmen meiner Arbeit betrachte ich diese Aspekte als ergänzende Erörterungen.

Von alten Kulturen bleiben uns – neben anderen Artefakten und Chroniken – vor allem Kunstwerke. Sie bieten einen Einblick in diese Kulturen, sind handfeste Beweise für deren Existenz. Mit den Visualisierungen unserer Erinnerungen definieren wir, auf welche Weise wir uns erinnern und die Vergangenheit beurteilen. Kunstwerke sind aber auch für ihren Autor eine spezifische Form der persönlichen Geschichtsschreibung, ja sie können unter Umständen auch den Charakter einer Therapie annehmen. Die „unkonventionelle Geschichte“, „die der Subjektivität huldigt, durchbricht mit ihrer Erzählung die Ordnung von Ursache und Wirkung, zeigt sich misstrauisch gegenüber dem Kriterium der Wahrheit, wendet verschiedene Formen der Darstellung an und bedient sich verschiedener Medien“[1].  Das Ergebnis ist eine Kunst, die auf Gefühlen, Empathie und Aufrichtigkeit, aber durchaus auch auf Exhibitionismus basiert. Eine der grundlegenden Fragen, die ich in diesem Zusammenhang stelle, ist die nach der „Wiederkehr verdrängter Inhalte“ (zu diesem psychoanalytisch ausgerichteten Diskurs: Zygmunt Bauman, Dominick LaCapra, Giorgio Agamben, Georges Didi-Huberman) – dies jedoch nicht, um ein „Postmemory in der Kunst“  zu beschreiben, sondern um die Schaffung der eigenen Identität und der eigenen Geschichte zu rekonstruieren, die sich (auch) im „Dialog mit den Überlebenden“ vollzieht. „Das bedeutet, dass Kunst nicht nur Spuren der Vergangenheit findet und aufbewahrt, sondern dass sie auch ein Ort der Gedächtnisbildung ist, ja mehr noch, sie ist der Ort, an dem die Erinnerung zur Gegenwart spricht, deren Probleme spiegelt und sich für diese verantwortlich fühlt.“[2]

Um das Spektrum der Möglichkeiten, welches die Arbeiten von Künstlern jüdischer Herkunft in Deutschland bieten, angemessen zu erfassen, wird es notwendig sein, etwa 100 Künstlerinnen und Künstler, die gegenwärtig in den beiden Ländern leben bzw. im Laufe ihrer künstlerischen Arbeit dort gelebt haben, in den Blick zu nehmen. Aus dieser Gruppe werde ich dann 6 Personen, deren Arbeiten für die Kunstszene von besonderer Bedeutung sind, für eine detaillierte Analyse auswählen.

Aufgrund der Spezifik des Themas und der Methode sind die Biographien der Künstler eines der wichtigsten Elemente dieser Arbeit. Doch so wesentlich auch die Berücksichtigung biographischer Hintergründe für die Interpretation der Kunstwerke immer wieder sein wird, möchte ich zugleich betonen, dass der biographische Bezug nicht das alleinige Kriterium sein soll.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I
1. Die jüdische kulturelle Landschaft. Probleme der Selbstbestimmung und Definition der Diaspora.
2. Das Problem der kollektiven Erinnerung und Individualität in der Kultur des Judentums.
3. Warum Berlin? Eine Kunstgeschichte der jüdischen Diaspora in Berlin.
 
Kapitel II
 4. Die zeitgenössische Kunstszene Berlins.
 5. Die Tätigkeit jüdischer Künstler in der Diaspora und in Israel in der Zeit von 1948 bis 1989.
 
Kapitel III
6. Geschichte vermittelt mithilfe von Schrift - Daniel Ben-Hur
7. Das Haus - Peter, Nathan und Rachel Kohn
8. Die Diaspora - Gabriel Heimler und Anna Adam
9. Eretz Israel - zwischen Himmel und Erde. Benjamin Reich und Naom Braslavsky
 
Kapitel IV
10. Fazit
11. Biographien der Künstler



[1] Domańska E., Historie niekonwencjonalne. Refleksja o przeszłości w nowej humanistyce, Poznań, 2006

[2] Głowacka D., Świadkowie wbrew sobie: strategie pamięci Holokaustu w twórczości plastycznej kobiet “drugiego pokolenia”, Obieg, data utworzenia: 15.10.2009